Der blinde Fleck der maritimen Historie
Nicolette Milnes Walker und das Monopol der männlichen Helden
Im Sommer 1971 vollbrachte eine 28-jährige Frau etwas, das die Segelwelt bis heute nur zögerlich in ihre offiziellen Annalen aufnimmt: Nicolette Milnes Walker überquerte als erste Frau den Atlantik nonstop und einhand von Ost nach West. Sie startete am 12. Juni in Milford Haven, Wales, und erreichte 45 Tage später Newport, Rhode Island. Während Männer für vergleichbare Taten als unerschütterliche Heroen stilisiert wurden, begegnete man mir oft mit einer Mischung aus Skepsis und Herablassung. Meine Reise war kein bloßes Abenteuer, sondern ein präzise geplantes psychologisches Experiment über die menschliche Belastbarkeit in der Isolation.
Die „überspannte“ Pionierin
Der historische Kontext von 1971 ist entscheidend, um den Widerstand zu verstehen, den eine Frau damals brach. Es war eine Zeit, in der alleinstehende Frauen im Vereinigten Königreich oft keinen Kredit ohne männliche Bürgen erhielten und in Pubs ohne Begleitung abgewiesen werden konnten.
Nicolette kurz vor ihrer Abfahrt © kontrabande
In der maritimen Presse wurden Frauen primär als „Kombüsensklavinnen“ oder dekoratives Beiwerk wahrgenommen. Dass sie sich entschied, ohne „guten Grund, dieses Projekt nicht anzugehen“, wurde von vielen als Ausdruck einer „überspannten“ Weiblichkeit abgetan – eine Diagnose, die man einem männlichen Segler für denselben Tatendrang nie gestellt hätte. Ein Mann wäre ein Pionier gewesen. Eine Frau galt als emotional instabil oder schlicht leichtsinnig.
Diese Geringschätzung spiegelt sich bis heute in den offiziellen Tabellen wider. Trotz der Verleihung des MBE blieb ihre Reise außerhalb der Segelszene lange unbeachtet. Julia Jones weist im Vorwort ihres Buchs darauf hin, dass sie in den Aufzeichnungen der Yachting Journalists Association nicht als Erste geführt werde. Dort beginnt die Zeitrechnung für Frauen oft erst 1989 mit Tracy Edwards. Es ist, als hätte sich ein „Seenebel der Unsichtbarkeit“ über die tatsächlichen Pionierleistungen von Frauen gelegt.
In der Kombüse © kontrabande
Eine Wissenschaftlerin der Grenzsituation
Anstatt sich als „Segel-Suffragette“ zu inszenieren, wie es zeitgenössische Zeitschriften versuchten, betrachtete sie die Überquerung mit dem analytischen Blick einer Expertin für Stressreaktionen. Ihr Hintergrund als Psychologin – man könnte sie treffender als Expertin für menschliche Belastbarkeit bezeichnen – prägte die gesamte Unternehmung. Die 4.000 Meilen auf der Aziz, einer nur neun Meter langen Pionier 9, waren ein Testgelände für innere Prozesse: Wie reagiert der Verstand auf absolute Einsamkeit, auf Schlafentzug und die ständige physische Gefahr auf dem Nordatlantik?
Die Route über den Nordatlantik war bewusst gewählt, um den schwierigen Englischen Kanal zu meiden und direkt in den freien Seeraum vorzustoßen. Es war eine Reise mit der Technik der 1960er Jahre: Sextant, Koppelnavigation und eine Hasler-Gibbs-Windsteueranlage. Wenn ihr im schweren Seegang auf dem Vordeck das Wasser buchstäblich bis zum Hals stand, während sie die Segel an Stagreitern wechselte, war das kein romantisches Abenteuer, sondern notwendige Handarbeit.
Milnes Walker dokumentierte ihre Zweifel und Ängste auf einem Kassettenrekorder, nur um den Zerfall und Wiederaufbau ihrer Selbstdisziplin festzuhalten.
Das Understatement als Widerstand
Die erfrischende Selbstironie und das britische Understatement, mit dem sie diese 45 Tage beschrieb, wurden ihr oft als Mangel an Ernsthaftigkeit ausgelegt. Doch gerade dieses Verweigern der heroischen Geste war ihr eigentlicher Sieg über die männlich dominierte Segelwelt, die sich in albernen Ritualen selbst bestätigte.
Sie musste niemandem etwas beweisen. Die Erkenntnis, dass sie mich durch diese Herausforderung selbst akzeptieren konnte, war persönlich bedeutender als jeder Eintrag in eine Segeltabelle.
Wir von kontrabande finden, dass es an der Zeit war, diesen „vergessenen Klassiker“ der Segelliteratur neu zu bewerten. Vielleicht nicht direkt als „Frauenliteratur“, mehr als präzises Zeitdokument einer Frau, die das Meer nutzte, um die Grenzen des menschlichen Geistes auszuloten – auch wenn die Geschichtsschreibung des Segelsports bis heute an ihrem blinden Fleck festhält und sie geflissentlich ignoriert.
Nicolette bei ihrer Ankunft in New York © kontrabande
Die deutsche Übersetzung von ‘When I Set Out to Sea’ ist bei uns im kontrabande Verlag erschienen.

