Strong Winds
Julia Jones Strong Winds-Saga als modernes Epos der Ostküste Englands
Als Julia Jones 2011 mit Das salzverkrustete Buch (The Salt-Stained Book) den Grundstein für ihre Strong Winds-Serie legte, schuf sie weit mehr als eine bloße Abenteuergeschichte für Jugendliche. Über sieben Bände und mehr als ein Jahrzehnt hinweg entfaltet sich ein literarisches Panorama, das die raue Geografie der englischen Ostküste mit den tiefen Narben der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und den ethischen Problemen der Gegenwart verwebt.
Das Erbe von Arthur Ransome
Der Einstieg in die Serie ist untrennbar mit dem Erbe von Arthur Ransome verbunden. Jones, deren Familie selbst Ransomes berühmte Jacht Peter Duck besaß, nutzt dessen Motive – das Segeln als Form der Freiheit und Selbstbehauptung, um sie radikal zu modernisieren.
Während Ransomes Welt oft eine Idylle der Mittelschicht war, ist die Welt der Protagonisten Donny Walker und seiner Freunde von sozialem Druck geprägt. Donny, der mit seiner gehörlosen Mutter Skye in staatliche Obhut gerät, kämpft nicht gegen imaginäre Piraten, sondern gegen die kalte Bürokratie der Sozialdienste, verkörpert durch die bezeichnend benannte Denise „Toxic“ Tune.
Von Suffolk in die Barentssee
Die Serie gliedert sich strukturell in eine initiale Trilogie und darauf folgend, zunehmend komplexere Einzelabenteuer, die schließlich in einer großen Reise nach Norden gipfeln.
- Die Initial-Trilogie (Bände 1–3): Hier wird das Mysterium um Donnys Herkunft etabliert. Die Ankunft seiner Großtante Ellen auf der chinesischen Dschunke Strong Winds fungiert als Katalysator, der die „düstere Unterwelt moderner Piraten und Schmuggler“ offenbart. Die Handlung weitet sich von der Shotley-Halbinsel über die Nordsee nach Belgien und Holland aus.
- Die Erweiterung des Fokus (Bände 4–6): In Der Löwe von Sole Bay und Schwarzes Wasser verschiebt sich die Perspektive auf Donnys Freunde Luke und Xanthe. Jones nutzt hier das Genre des Thrillers, um Themen wie historische Traumata (die Seeschlacht von Sole Bay 1672) und modernen Rassismus im Regattasport zu thematisieren.
- Die Heimkehr (Band 7): In Die Reise in den Norden (Voyage to the North) schließt sich der Kreis. Donny verlässt die vertrauten Gewässer Suffolks auf einer russischen Superjacht. Die Suche nach seinem Vater führt ihn physisch und metaphorisch zurück in die Barentssee, zum Ort des ursprünglichen Traumas von 1945.
Literarische Verweise und Intertextualität
Julia Jones bettet ihre Erzählung in ein dichtes Netz aus Weltliteratur ein:
- Shakespeare: Von den unheilvollen Zitaten aus Macbeth in Eine zerfetzte Flagge bis zu den Meereswandlungen aus Der Sturm in Ein paar Kieselsteine dient Shakespeare als moralischer Kompass.
- Robert Louis Stevenson: George (Juri), eine der ambivalentesten Figuren der Serie, provoziert Donny mit Anspielungen auf Entführt (Kidnapped) und markiert damit die Serie als Teil der großen Tradition britischer Abenteuerliteratur, während er gleichzeitig auf die harten Realitäten des Kalten Krieges verweist.
- Henry Wadsworth Longfellow: Die Verwendung von Namen wie Nokomis, Wenonah und Mudjekewis aus The Song of Hiawatha für Donnys Vorfahren verleiht der Familiengeschichte eine fast mythische, transatlantische Dimension.
Geister der Vergangenheit: 1945 und die Folgen
Das Herzstück der Serie ist die Entschlüsselung der Ereignisse vom 17. Februar 1945 in der Barentssee. Jones zeigt meisterhaft, wie der Zweite Weltkrieg nicht nur die Brüder Greg und Ned Palmer verschlang, sondern wie dessen Echo Generationen später das Leben von Donny und Skye bestimmt. Die Enthüllung, dass Donnys Großvater kein britischer Held, sondern ein deutscher „Torpedomixer“ war, der unter falscher Identität überlebte, bricht mit nationalen Mythen und ersetzt sie durch eine zutiefst menschliche Wahrheit über Verlust und Überleben.
Fazit: Mehr als ein Kinderbuch
Die Strong Winds-Serie ist eine literarische Vermessung von Zugehörigkeit. Jones gelingt es, die technische Präzision des Segelns mit einer hochemotionalen Prosa zu verbinden. Es ist eine Saga über die Macht des Erzählens selbst – symbolisiert durch das „salzverkrustete Buch“, das Greg Palmer in den Tod folgte und Jahrzehnte später seinem Großneffen den Weg weist.
Julia Jones hat damit ein Werk geschaffen, das den „uralten Kampf zwischen Gut und Böse“ in die komplexe Welt des 21. Jahrhunderts übersetzt, ohne dabei die Hoffnung auf einen sicheren Hafen – sei es eine chinesische Dschunke oder die kargen Inseln der Arktis – aufzugeben.
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