Warum man mit über 60 einen Verlag gründet
Man gründet keinen Verlag, weil es vernünftig ist
Die ökonomischen Argumente sprechen dagegen. Der Buchmarkt ist gesättigt. Sichtbarkeit kostet Geld. Vertrieb bedeutet Logistik, Rabatte, Remissionen. Aufmerksamkeit verteilt sich nicht gleichmäßig, sie konzentriert sich auf wenige Titel. Wer neu anfängt, beginnt faktisch bei null.
Und trotzdem steht irgendwann die Frage im Raum: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Geschäftsplan? Hatten wir nicht. Wir haben einfach mal so angefangen und geschaut, was passiert. Wir saßen im Cockpit von Gerds Mini-Boot und quasselten über alles Mögliche. Vom Motor, der nicht richtig funktionierte und Öl in die Bilge kotzte, von der Möglichkeit, von Holland über die Kanäle ins Mittelmeer zu fahren. Weil es da mehr Sonne als in Zeeland gibt, was ein wichtiger Punkt ist, wenn man das ganze Jahr auf dem Boot wohnt. Und die Winter können auf so einem Boot sehr lange, dunkel und manchmal auch kalt und einsam sein.
Und dann kamen wir auf Dinge, die wir schon mal in unserem Leben gemacht haben. Gerd rückte dann beiläufig damit heraus:
„… ach, und ein Buch hab ich auch mal geschrieben, eigentlich zwei. Eins davon ist sogar auf die Auswahlliste beim Deutschen Jugendbuchpreis gelandet, muss so 1977 gewesen sein.“
„Und was ist aus dem Buch geworden?“
„Keine Ahnung, ist eh zu lange her.“
„Und das soll jetzt so einfach verschwinden? Wenn es doch schon mal Preise gewonnen hat?“
Damit begann es. Ich fing an zu überlegen, ob es das Buch noch gibt. Ob man es auftreiben kann. Ob man es neu herausbringen kann. Sauber gesetzt, neu gestaltet, technisch ordentlich produziert.
Das Buch gab es, abgegrabbelt und zerfleddert. Wir haben dann den Text eingescannt und ergänzt. Die Rechte waren da. Die Erfahrung in Gestaltung, Produktion und Struktur ebenfalls. Das Layout entstand. Am Ende lag ein druckfertiges Manuskript vor uns.
Eigentlich hätten wir es jetzt einfach drucken können. Und die Geschichte wäre erzählt gewesen. Ein einzelnes Buch, neu aufgelegt. Projekt abgeschlossen. Ende, aus, nette Sache und nen Haken dran.
Was fehlte, war nur die Entscheidung, wie es damit weitergehen sollte.
Ja, und dann?
Und dann nahm dieser Irrwitz langsam Fahrt auf. Ob das jetzt ein Fehler war oder konsequentes Ignorieren von Tatsachen – keine Ahnung.
Wir hätten an diesem Punkt aufhören können. Rein statistisch wäre das sogar vernünftig gewesen. Jedes Jahr kommen in Deutschland viele neue Bücher auf den Markt. 2024 erschienen ca. 65.000 Titel, davon 60.000 Erstauflagen, also echte Neuerscheinungen. Das ist ein Rückgang gegenüber früheren Jahren, aber nach wie vor eine sehr hohe Zahl.
Es gibt in Deutschland rund 2000–3000 Verlage, je nachdem, ob man Kleinstverlage mit einbezieht oder nur Verlage mit regelmäßigen Programmen zählt.
Man kann sagen, der Markt ist nicht gerade eine Nische mit viel Platz für Neues. Viele der verlegten Bücher werden kaum beachtet oder verkaufen sich nur in sehr geringen Mengen. Exakte Absatzstatistiken je Titel sind nicht öffentlich verfügbar, aber Branchenanalysen zeigen, dass der Großteil der Titel deutlich unter vierstelligen Stückzahlen im Absatz bleibt, und nur ein kleiner Teil nachweislich hohe Verkaufszahlen erreicht.
Nur ein sehr geringer Teil der Bücher erreicht die Grenze, wo es für einen Verlag als wirtschaftlich erfolgreich gilt. Eine Orientierung zahlreicher Verlagsleute lautet: Wenn ein Buch mehr als 2000 Exemplare verkauft, gehört es bereits zu den besser verkauften Titeln, vor allem bei kleineren Verlagen.
Von den ganz großen Auflagen erfolgreicher Autoren oder genauer: erfolgreicher Marketing- und Vertriebsstrategien großer Verlage wollen wir hier nicht reden. Solche Bestseller mit sechsstelligen Verkäufen machen nur einen kleinen Bruchteil der Neuerscheinungen aus – deutlich im einstelligen Prozentbereich aller Titel, oft eher 1–2 %. Dieses Niveau ist in etwa vergleichbar mit der Wahrscheinlichkeit eines „Sechser im Lotto“ im Verlagsalltag.
Hurra, wir gründen einen Verlag. Oder: Was für eine bescheuerte Idee!
Ein Buch neu aufzulegen, ist überschaubar. Du hast einen Text, bastelst ein Layout und ein Cover, irgendwo wird das hochgeladen und fertig. Das machen viele, mit meist überschaubarem Erfolg.
Einen Verlag zu gründen, ist dagegen etwas anderes. Plötzlich geht es nicht mehr nur um eine Publikation, sondern um Infrastruktur: Du brauchst ISBNs, musst dich um den Druck kümmern, ein Lager aufbauen, du brauchst eine Website, eine Shop, musst dich um rechtliches kümmern … Steuern, es gibt Steuern und Jahresabschlüsse, Verträge, Tantiemen, Metadaten. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Ein Geflecht aus Details und Kontakten.
Wer dreißig Jahre in der Werbebranche gearbeitet hat, kennt Prozesse, Budgets, PR, Marketing und Kampagnen. Aber Literatur? Das geht alles irgendwie anders, folgt anderen Regeln. Oder sie folgt gar keinen.
Bücher machen ist wie Kinder machen …
Es fängt ganz einfach an, und dann kommen die Probleme, oder sagen wir besser: Herausforderungen des Alltags.
Bücher sind für uns keine Massenware, die in immer gleichen Kategorien einsortiert wird. Sie sind eher Dinge, die sich ihren Weg selbst suchen. Manchmal gegen Widerstände, manchmal an Nischen vorbei, oder sie haben ganz eigene Vorstellungen. Sie werden groß, bekommen eigene Ideen. Manche entwickeln sich prächtig, andere benötigen einfach noch etwas Zeit und Liebe.
Einfach mal machen …
Ein kleiner Verlag werden wir wohl noch eine ganze Zeit lang bleiben – hoffentlich. Wir haben keinen Marktdruck im klassischen Sinn. Frühjahrs- oder Herbstprogramm? Nö. Wir machen, was uns gerade in den Sinn kommt.
Wir haben jedoch ein anderes Problem: Relevanz. Warum sollte jemand ausgerechnet dieses eine Buch von uns lesen? Warum diesem Verlag Aufmerksamkeit schenken? Diese Fragen sind berechtigt. Sie lassen sich nicht mit Werbeslogans beantworten. Dafür versuchen wir alles, was wir an Herzblut erübrigen können, in unsere Bücher fließen zu lassen.
Mit über 60 einen Verlag zu gründen, wirkt für manche wie eine späte Selbstverwirklichung. Tatsächlich ist es eher eine Reduktion. Nach Jahrzehnten in einem Umfeld, das schnelle Marketing-Botschaften verlangt, entsteht der Wunsch nach Texten, die nicht sofort funktionieren müssen. Literatur darf auch Umwege gehen. Sie darf offenlassen. Sie darf widersprechen.
Ein Verlag ist dafür ein Werkzeug, das den Rahmen schafft. Mehr nicht.
Wir können entscheiden, was gedruckt wird und was nicht. Diese Auswahl ist immer auch ein Statement.
Es gibt keine Garantie, dass sich das wirtschaftlich trägt. Kleine Auflagen bedeuten höhere Stückkosten. Marketingbudgets sind begrenzt. Unser direkter Kontakt zu Leserinnen und Lesern ersetzt keine flächendeckende Präsenz im Handel.
Dennoch entsteht ein Vorteil: Nähe. Reaktionen kommen unmittelbar. Entscheidungen bleiben überschaubar. Unsere Entscheidungswege sind extrem kurz.
Warum also gründen wir nen Verlag?
Weil Erfahrung irgendwann zu Handlung drängt. Weil man nicht nur über Bücher sprechen will, sondern sie machen möchte. Weil es sinnvoll erscheint, Texte in Umlauf zu bringen, die sonst kaum eine Chance hätten.
Vielleicht ist das unvernünftig. Höchstwahrscheinlich. Vielleicht ist es nur konsequent.
Ein Verlag ist kein Monument. Er ist ein Arbeitszustand. Er existiert, solange Energie, Zeit und Überzeugung vorhanden sind. Er wächst nicht zwangsläufig in Zahlen. Er wächst mit seinem Profil.
Und daran wollen wir arbeiten. Jeden Tag.
„kontrabande“ steht daher nicht für Größe. Es steht für Auswahl. Für Bücher, die nicht kalkuliert wurden, um Trends zu bedienen, sondern um Gedanken festzuhalten.
Mit über 60 einen Verlag zu gründen heißt nicht, sich etwas zu beweisen. Es heißt, sich Freiräume zu schaffen. Für eigene Projekte. Für Übersetzungen, die sonst niemand macht. Für Themen, die nicht in gängige Raster passen.
Ob das verrückt ist, hängt vom Maßstab ab. Aus Marktsicht auf jeden Fall ein Irrwitz.
Aus persönlicher Sicht war es eine logische Entscheidung. Und bis jetzt bereuen wir es nicht. Auch wenn wir nur langsam wachsen. Das gibt uns die Zeit, zu überlegen und auch mal einfach etwas auszuprobieren, von dem man nicht weiß, ob es funktioniert. Am Ende lernt man immer etwas.
