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Als ich auf das Meer hinausfuhr
Nicolette Milnes Walker, MBE
Ab sofort lieferbar
In ihrem Buch schildert Nicolette Milnes Walker ihre Atlantiküberquerung von Wales nach Newport im Sommer 1971. Ausgangspunkt ist nicht ein sportlicher Wettbewerb, sondern eine bewusst getroffene persönliche Entscheidung: allein, ohne Zwischenstopp und ohne fremde Hilfe den Atlantik zu überqueren, um sich selbst unter realen Bedingungen zu erproben.
Der Text folgt chronologisch der Vorbereitung, der Abfahrt und der rund 45 Tage dauernden Überfahrt. Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit praktischen Aspekten des Einhandsegelns: Boots- und Ausrüstungswahl, Selbststeueranlage, Navigation, Wetter, Reparaturen, Schlafrhythmus und Ernährung. Diese technischen Beschreibungen bleiben stets funktional und dienen dem Verständnis der Situation, nicht der Selbstdarstellung.
Zentral ist die innere Erfahrung der Autorin. Milnes Walker beschreibt nüchtern ihre Gedanken während Phasen von Angst, Krankheit, Erschöpfung und Einsamkeit. Sie beobachtet, wie sich Wahrnehmung, Zeitgefühl und Entscheidungsprozesse unter Dauerbelastung verändern. Als Psychologin reflektiert sie ihr Verhalten bewusst, ohne es zu dramatisieren oder zu beschönigen. Fehler, Zweifel und Rückzüge werden offen benannt.
Das Meer erscheint nicht als romantische Kulisse, sondern als neutraler, gleichgültiger Raum, in dem Konsequenzen unmittelbar spürbar werden. Erfolg bedeutet hier nicht Triumph, sondern Durchhalten, Anpassung und Kontrolle über sich selbst. Die Ankunft in Amerika markiert weniger einen Endpunkt als eine innere Verschiebung: Die Erfahrung hat ihr Selbstvertrauen verändert, ohne sie zur Heldin zu stilisieren.
Oft überrascht sie mit Humor und sehr britischem Understatement.
Insgesamt ist das Buch ein sachlicher, persönlicher Bericht über Selbstverantwortung, mentale Belastbarkeit und das Leben in radikaler Reduktion. Es dokumentiert eine außergewöhnliche Leistung, bleibt dabei aber konsequent bei der Perspektive der handelnden Person und verzichtet auf nachträgliche Verklärung.
29 restaurierte SW- und Farbaufnahmen und Illustrationen ergänzen dieses Buch.
Nicolette auf der Aziz @ kontrabande
Leseprobe
Warum?
Am 12. Juni 1971 um 11:15 Uhr ließ ich das Dorf Dale hinter mir, segelte an St. Ann’s Head vorbei – fast der äußerste Südwestpunkt von Wales – und brach allein in meiner neun Meter langen Slup Aziz auf, um dem Atlantik und einer Reise von 4.000 Meilen zu trotzen.
Vierundvierzigundeinhalb Tage später kam ich in Newport, Rhode Island, an und betrat zum ersten Mal die Neue Welt.
Da ich die einzige Frau war, der eine ununterbrochene Einhand-Überquerung des Atlantiks gelungen war, schlug meine Ankunft in der Geschichte kleine Wellen. Meine erste Reaktion, als ich an Land ging und mich von herzlichen und freundlichen Reportern umringt sah, war, die vergangenen sechs Wochen abzutun, all die Schwierigkeiten zu vergessen, alles auszublenden und mich ganz dem zu widmen, was nun kommen mochte (eine erschöpfende, aber wunderbare Serie von Partys, Interviews und Empfängen).
Tatsächlich konnte ich mich kaum erinnern, was geschehen war, und so entsprach das, was die Welt zuerst über meine Reise erfuhr, kaum der Wahrheit. Erst als ich anfing, mein Tagebuch zu lesen und die Tonbandaufnahmen anzuhören, die ich gemacht hatte, fluteten die Erinnerungen zurück – daran, was geschehen war und wie ich mich bei meinem Vorhaben gefühlt hatte.
Warum war ich gefahren? Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich eine Einhand-Atlantiküberquerung ernsthaft in Erwägung zog, Anfang 1971, sechs Monate bevor ich tatsächlich aufbrach. Ich war auf der International Boat Show in London und ertappte mich dabei, wie ich heimlich all diese aufregenden Ausrüstungsgegenstände betrachtete, die Seglern so viel bedeuten. Ich hatte, wie ich dachte, nur als Spielerei, umfassende Listen mit Vorräten, Schiffsausrüstung und Ähnlichem erstellt, die für eine solche Überquerung nötig wären.
Es machte Spaß, die Listen verschiedener Seefahrer durchzugehen, sie mit dem zu vergleichen, was ich für notwendig hielt, und zu sehen, wo wir uns unterschieden. Das führte mich natürlich unweigerlich dazu, jene Ausrüstungstypen unter die Lupe zu nehmen, die am besten für meine Bedürfnisse geeignet sein könnten. Dies wiederum führte zu einer detaillierten Auseinandersetzung mit den Konsequenzen einer solchen Reise. Und ehe ich mich versah, war alles geplant.
Ich war wie jemand, dessen Auge an einem neuen Auto hängen geblieben ist. Es sieht ganz nett aus, also denkt man sich, man könnte mal ein bisschen mehr darüber herausfinden. Dann vergleicht man es mit anderen Autos und es erscheint einem noch begehrenswerter. Dann kommt man zufällig am Ausstellungsraum vorbei. Man kann ja genauso gut mal hineingehen und es sich richtig ansehen. Tja, warum sollte man sich eigentlich keines gönnen? Man bekommt es nicht mehr aus dem Kopf. Man muss dieses Auto einfach haben. Also kauft man es.
Ich kaufte mir eine Transatlantik-Reise.
Der letzte Morgen in Dale – Vorbereitungen für den Aufbruch © kontrabande
Nun, warum nicht? Die erste Überlegung war offensichtlich finanzieller Natur. Konnte ich alles bezahlen? Wenn ich all mein Hab und Gut zu Geld machte, konnte ich es mir leisten, ein Boot für etwa dreitausend Pfund zu kaufen, die nötige Zusatzausrüstung zu bezahlen und noch einen kleinen Rest für unvorhergesehene Fälle übrig zu haben.
Die zweite Überlegung betraf die Zeit. Sollte ich dieses Jahr gehen? Mein Job als Psychologin in der Forschung sollte im August enden, aber das war eindeutig zu spät für eine Überquerung in jenem Jahr, da die Hurrikan-Saison bereits begonnen hätte und der westliche Atlantik sehr rau werden konnte. Was war mit nächstem Jahr? Warum nicht am Single-handed Transatlantic Race teilnehmen? Weil ich kein Interesse daran hatte, irgendwo abgeschlagen im Feld zu landen. Ich konnte mir kein Boot leisten, das groß genug war, um zu gewinnen. Und selbst wenn ich es mir hätte leisten können, bezweifelte ich, dass ich damit hätte umgehen können.
Außerdem konnte ich bei einer Teilnahme an diesem Rennen nicht sicher sein, die erste Frau zu sein, die die Überquerung nonstop schaffte. Ich wollte die Erste sein, denn ich wusste, dass eine solche Leistung in vielerlei Hinsicht sehr befriedigend sein würde.
Ich bin von Haus aus Psychologin und habe mich mit der Untersuchung der Ausführung verschiedener physischer und mentaler Aufgaben unter körperlich schwierigen Bedingungen beschäftigt. Die Bücher von Einhandseglern hatte ich gelesen und war daran interessiert, herauszufinden, wie es wirklich ist, allein auf See zu sein und für das Überleben nur von sich selbst abzuhängen.
Ich genieße keine Konflikte mit Menschen, aber es bereitet mir großes Vergnügen, mich gegen die Welt zu prüfen und durch mein eigenes Geschick zu überleben. Wenn ich gewinne, werden die Elemente nicht verletzt. Wenn ich verliere, bin nur ich verletzt. Was auch immer geschieht, das Leiden und die Genugtuung gehören mir allein, und ich würde niemanden einladen, das Risiko oder den Ruhm zu teilen. Ich wollte diese Überquerung allein machen, damit das Ergebnis nur von meinem Können oder dessen Fehlen, meiner Willenskraft oder deren Fehlen abhängen würde – von mir.
Könnte ich es schaffen? Wie viele der Millionen Frauen auf der Welt würden eine solche Reise überhaupt in Erwägung ziehen? Tausend? Zehn? Keine?
Eine Frau hatte den Atlantik allein überquert. Ann Davison kam 1953 in Westindien an, nachdem sie den Weg über Spanien und die Kanarischen Inseln gewählt hatte. Eine andere, eine Deutsche namens Edith Baumann, hatte die Nonstop-Überquerung versucht. Ihr Boot brach vor den Azoren auseinander, und sie wurde zusammen mit einem kleinen Hund aus dem Meer gerettet, nachdem sie in ihre Rettungsinsel gestiegen war. Sie kam mit dem Leben davon. Würde ich mit dem meinen davonkommen?
Wäre es nicht Wahnsinn, es überhaupt zu versuchen? Ich hatte noch nie eine Yacht einhand gesegelt. Meine längste Solo-Fahrt in einem Jollenkreuzer betrug etwa acht Meilen. Ich war im Vorjahr zu den Azoren und zurück gesegelt und hatte die Wildheit eines sturmgepeitschten Ozeans gesehen. Aber damals waren wir zu dritt. Konnte ich, allein, eine Frau, hoffen, viertausend Meilen Meer und mehrere Wochen Einsamkeit zu überleben?
Es war nun Mitte Januar. Ich durfte Großbritannien nicht später als Mitte Juni verlassen, wenn ich halbwegs vernünftiges Wetter haben wollte. Ich musste meinem Chef gegenüber eine Kündigungsfrist von drei Monaten einhalten. Die Entscheidung konnte nicht länger aufgeschoben werden.
Mehrere Tage lang dachte ich an nichts anderes. Ich ertappte mich mit einem ungelesenen Buch in der Hand. Ich saß da und starrte ins Leere. Ich ging schlafen und stellte mir die damit verbundenen Schwierigkeiten vor, und wachte auf, während die Gedanken noch immer in meinem Kopf kreisten.
Ich konnte keinen guten Grund finden, nicht zu gehen. Also entschied ich mich zu gehen.
Die Aziz wird überholt @ kontrabande
Die Selbststeueranlage der Aziz © kontrabande
| Autor | Nicolette Milnes Walker | |
| Titel | Als ich auf das Meer hinausfuhr | |
| Erscheinungs- termin |
20. Januar 2026 | |
| Alters- empfehlung |
14+ | |
| Softcover | 978-3-911831-52-9 | 16.90 € |
| Format B x H x D | 178 x 254 x 10 mm | 150 Seiten |