Preview 06

Ein Ausschnitt aus Prompt – nicht chronologisch

2025: Carlo

Carlo saß am Fensterplatz, jetzt sein üblicher Platz. Früher hatte er sich immer tief im Café in die hinterste Ecke verkrümelt. Aber nach dem Umbau stand dort jetzt eine Garderobe. Der Kaffeeduft war derselbe geblieben, aber der Rest hatte sich verändert – hellere Wände, keine schmierigen Ecken mehr, die Musik leiser. Er mochte das. Den Blick auf die Straße, das Vorbeiziehen der Studenten und Radfahrer, die Straßenbahn, die alle paar Minuten quietschend vorbei Richtung Uni fuhr. Die Zülpicher Straße war auch tagsüber ein sehr belebter Ort.

Katha stellte ihm den Kaffee hin, wischte sich die Hände an der Schürze ab, blieb aber stehen, statt gleich weiterzugehen.

„Carlo. Hast du eigentlich mal was von Jo gehört?“

Er schaute hoch, dann wieder auf die Tasse. Schüttelte den Kopf.

„Nein. Nichts. Keine Karte, keine Mail, gar nichts. Ich weiß nicht mal, wo sie ist. Wie vom Boden verschluckt.“

„Na, sie meldet sich bestimmt noch. Ich glaub’, die hat dich echt gemocht.“

„Meinst du? Also – ganz und gar nichts hören, das ist schon komisch.“

„Doch, ganz sicher. Die meldet sich.“ Katha wischte mit dem Lappen über den Nachbartisch, obwohl da nichts zu wischen war. „Weißt du, ich muss echt noch dran denken, wie die hier abgegangen ist. Damals, als sie Freddi den Laden zerlegt hat. Ich habe ja nur das Ergebnis gesehen. Und Freddi, wie er sich die Eier hielt.“ Sie lachte.

Carlo blinzelte. „Kann man sich gar nicht vorstellen.“

„Ja klar, wusstest du das nicht? Legendär. Freddi hat sich an sie rangemacht, in der Küche, richtig übergriffig, und sie hat ihm eine gescheuert und ihm dann noch ordentlich zwischen die Beine getreten. Sie hat mir das noch mal breit und blumig erzählt. Und wie stinksauer sie war. Meiner Meinung nach war das eine echte versuchte Vergewaltigung. Und danach – Teller, Flaschen, das ganze Gewürzregal in der Küche, alles durch den Raum. Der Laden sah aus wie nach ner Bombe.“ Sie grinste schief. „Ich war zum Glück nicht da, sonst hätte ich putzen müssen. Aber die Geschichte erzählt sich hier immer noch. Serkan nebenan hat nur den Krach gehört und kam nachsehen, hat sich dann aber nicht reingetraut. Sie hat echt alles zu Kleinholz verarbeitet.“

Carlo dachte an das, was Jo ihm erzählt hatte – nur eine knappe Version. Dass Freddi ihr an die Wäsche gegangen sei und sie geflohen war. Von der Verwüstung hatte er gewusst, aber nicht, welches Ausmaß das gehabt haben musste. Er sah sie vor sich, wie sie sonst hinter der Theke hantiert hatte, diese ruhige, geübte Präzision. Schwer vorstellbar, dieselbe Person als Furie, die wie ein Wirbelwind alles kleinschlug.

„Freddi hat wohl auch erzählt, sie hätte geklaut“, sagte Katha. „Stimmt aber nicht. Nur die Tageskasse, und das war wohl mehr als verdient.“

Jemand rief nach ihr, sie zuckte mit den Schultern und ging.

Carlo blieb sitzen, die Tasse in beiden Händen. Früher, an diesem Tisch, hatte er nie gewusst, was er sagen sollte, wenn Jo vorbeikam. Jetzt hätte er vielleicht gewusst, was er hätte sagen sollen. Nur, ob er es auch ausgesprochen bekommen hätte – da war er sich nicht sicher.