2026-0708 Preview 03

Ein Ausschnitt aus Prompt – nicht chronologisch

Carlo

Carlo war in der Firma für die Planung und Betreuung von Großprojekten zuständig. Die Arbeit war für ihn immer wie ein großes Puzzle mit unzähligen Teilen. Nur dass hier die Teile oft ein Eigenleben entwickeln und nicht an dem Platz blieben, wo man sie ablegte.

Carlo konnte Varianten durchdenken, die auch die aberwitzigsten Komplikationen berücksichtigen. Meistens lief vieles glatt, seine Varianten wurden selten benötigt, aber das war ihm egal. Wenn sie eintraten, hatte er schon die Lösung vorbereitet. Bei ihm liefen Projekte immer etwas glatter als bei den Kollegen. Nicht unbedingt schneller, aber alle hatten weniger Stress, wenn Carlo plante.

Carlo war gut. Sagte sein Chef, wenn auch unwillig.

In einem Projekt sah er förmlich, wie sich Abläufe verästelten, sich mögliche Alternativen auftaten und wie in einem immer komplexer werdenden Wurzelwerk die Daten oder Arbeitsabläufe flossen.

Er sah dieses Wurzelwerk mit all seinen filigranen Verästelungen und konnte fühlen, wo der Transport in diesem Labyrinth sich stauen würde und was er dazu tun musste, dass alles harmonisch gleichmäßig floss. Er erfasste intuitiv, wo er eingreifen musste, und dann lief er in Gedanken diesen leuchtenden Pfad entlang und empfand Befriedigung, alles geordnet zu haben.

Wenn etwas stockte, war das für ihn ein Punkt, der ihn juckte und störte. Er griff ein, schaffte einen Abzweig, dirigierte so lange, bis sich wieder alles glatt und störungsfrei dahin bewegte.

Oft änderte er Kleinigkeiten. Wochen vor dem Punkt, an dem es zu Problemen kommen würde. Sein Chef wunderte sich oft, dass Carlo Winzigkeiten an bestimmten Stellen änderte. Er hatte gelernt, dass Carlo ein Projekt ganz anders wahrnahm als die ganze Planungsabteilung. Und fast immer lag er richtig. Und fast immer stellte man im Nachhinein fest, dass seine Idee die richtige gewesen war.

Das aber macht ihm den Umgang mit Kollegen umso schwieriger. Sie betrachteten ihn als einen Freak, als einen verschrobenen Einzelgänger, der oft einsilbig oder gar nicht antwortete. Seine Kollegen gingen bestimmt davon aus,, er sei ruppig und unhöflich. Er drehte kauzig Stellschrauben, die für jeden zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt keinen Sinn ergaben. Sie sprachen über Inselbegabung, hielten ihn jedoch für eine Abnormität im System. Dass er Schwierigkeiten hatte, mit anderen im Small Talk über Belanglosigkeiten sich auszutauschen, war unvermeidbar zum Scheitern verurteilt.

Carlo wäre gern dabei, normal sein und nicht auffallen, aber für ihn war das ganze Gerede der Kollegen vollkommen undurchdringliches Dickicht. Das waren für ihn Informationen ohne Verbindung, haltlos, wild in den Raum geworfen und nicht sortierbar. Es ergab für ihn alles keinen Sinn, sich über Nebensächlichkeiten zu unterhalten.

Diese sinnlosen Informationen ergaben für ihn, losgelöst aus jeglichem Kontext, keinerlei Struktur und führten dann zu immer mehr Fragen, die er sich stellte, die letztlich zum Overload führten, wo selbst er sich in Fragen und Überlegungen vollkommen verlor.

Jo war anders gewesen. Sie hatte ihn einfach so akzeptiert, wie er war. Seine hölzerne Art, oft nicht locker und lustig, und einen Witz nicht verstehend. Aber sie hatte seine konsequente, hilfsbereite Art sehr gemocht. Vielleicht hatte sie ihn auch mehr als nur gemocht, aber so ganz sicher war er da nicht gewesen. Sie hatte ihn zwei-, dreimal geküsst, weil sie sich für seine Hilfe bedankt hatte. Aber war das Liebe oder Zuneigung? Er wusste es nicht. Und jetzt war sie fort, irgendwo in Griechenland untergetaucht. Keine Adresse, keine Mail, nichts. Und auch keine Spur im Internet. Sie war einfach verschwunden.

Später am Abend rollte er sich in seinem Bett zusammen, dachte an Jo und war dann unruhig eingeschlafen.

Mitten in der Nacht, eher früher Morgen, es war nach halb fünf, meldete sich sein Handy.

„Einrichtung abgeschlossen. Rechner bereit.“

Carlo schaute auf das Display, drehte sich herum und schlief weiter.