Preview 05
Ein Ausschnitt aus Prompt – nicht chronologisch
März 1985
Am nächsten Vormittag, kurz vor der Mittagspause, rief Grete an. Hänsel nahm den Hörer im Büro ab, den Rücken zur Tür gedreht, die Stimme gesenkt.
Marina Wiebe, die etwas rundliche und schrecklich neugierige Bürokollegin, nagte zierlich an einem Gürkchen – ihre neueste Marotte, etwas gegen ihr Gewicht zu tun. Allerdings wurde das Gürkchen – ihre spezielle Gurkendiät – von einem stattlichen Leberwurstbrot begleitet. Als das Telefon klingelte, war Hänsel einen winzigen Augenblick schneller als Marina.
„Hänsel? … ach, hallo Schatz, du bist es. Was gibt es denn?“ Er wedelte mit der Hand, um Marina zu signalisieren, dass das Gespräch privat sei. Sie nickte freundlich und lehnte sich ein wenig vor, soweit der Tisch und ihre Figur das zuließen, um ja nichts zu verpassen.
Hänsel drehte sich etwas weg und presste den Hörer fest auf sein Ohr. „Ja Schatz, das ist eine gute Idee, das hatten wir schon lange nicht mehr.“
Grete verstand, dass Hänsel nicht allein im Büro war. Sie senkte die Stimme: „Ich bin ein wenig erstaunt“, sagte sie, und Hänsel hörte das Rascheln von Papier im Hintergrund. „Reporta Logistics – wenige Unterlagen. Ich habe mir angeschaut, was die eigentlich machen. Bickendorf, Wilhelm-Mauser Ecke Vogelsanger, ne tolle Gegend mit Schrottplätzen und zwielichtigem Klientel. Die haben da ein winziges Büro, aber eine relativ große Lagerfläche daneben. Machen anscheinend Transporte für andere Firmen, so weit ich das sehe. Nichts Besonderes auf den ersten Blick.“
„Und?“, drängte Hänsel. „Die Meyers sind doch immer so nett.“
„Warte, ich bin noch nicht fertig.“ Er hörte, wie sie in Papieren blätterte. „Ich habe mir dann die betriebswirtschaftliche Aufstellung angesehen. Vor zwei Jahren haben die mal angefragt, eine Finanzierung für einen Lkw, ganz normaler kleiner Kredit. Und jetzt steht hier, halt dich fest: Jahresumsatz 2,4 Millionen D‑Mark.“ Sie machte eine Pause. „Hänsel, da muss eine alte Frau aber ganz schön lange für stricken und Kisten schieben. Kannst du dir das erklären?“
Hänsel schwieg einen Moment, das Telefon fest ans Ohr gepresst. „Nein“, sagte er dann leise. „Kann ich nicht. Aber wenn die nicht kommen wollen, machen wir eben etwas anderes.“
„Ich kann mir das auch nicht erklären“, sagte Grete. „Und das gefällt mir nicht. Aber bevor du etwas unternimmst, lass uns heute Abend reden.“
„Ja, mache ich, Schatz, uns fällt da schon was ein, auch wenn die Meyers nicht können.“ Er griente zu Marina hinüber, die ganz enttäuscht versucht hatte, auch nur ein Fitzelchen mehr mitzubekommen. „Dann bis gleich. Tschüss, Schatz.“ Er legte auf.
„Ach, hat die Einladung nicht geklappt?“, fragte Marina ganz enttäuscht und knabberte wie ein Kaninchen an ihrem Leberwurstbrot.
„Nein, Frank, also Herr Meyer hat sich irgendwie erkältet. Schade, hätte ein netter Abend werden können. Na, ich muss noch das hier beenden, dann kann ich vielleicht ein paar Minuten früher gehen. Er zwinkerte ihr zu.
„Hänsel, ich bin verschwiegen wie ein Grab“, flüsterte Marina und schaute ihn verschwörerisch an.
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Am Abend, wieder in der Küche, breitete Grete ihre Notizen auf dem Tisch aus – handschriftlich, in ihrer engen, schnellen Schrift. Hänsel beugte sich vor, wollte einen Blick darauf werfen, aber Grete zog das Blatt ein Stück zu sich heran.
„Zeig mal“, sagte er und streckte die Hand aus.
„Was willst du damit?“
„Ich will mir das ansehen. Die Zahlen, die Aufstellung. Vielleicht fällt mir ja was auf, ich mach das schließlich beruflich.“
Grete legte die flache Hand auf das Papier. „Hänsel, du hast gestern schon eine Handakte aus dem Amt mit nach Hause geschleppt und wirst auf der Straße angesprochen. Reicht dir das nicht?“
„Gerade deshalb.“ Er versuchte es mit einem Lächeln. „Wenn die mich schon in die Sache reinziehen, will ich wenigstens verstehen, worum es geht.“
„Nein.“ Sie schob die Notizen unter die Zeitung. „Das sind meine Recherchen, aus meinen Quellen. Ich habe dir erzählt, was drinsteht, das reicht erst einmal.“
„Grete, jetzt sei doch nicht so.“
„Ich bin nicht ‚so‘, ich bin vorsichtig. Und einer von uns beiden sollte das jetzt auch sein.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Du hast schon genug am Hals. Je weniger du siehst, wo es herkommt, desto weniger kannst du auch verraten, wenn dich noch mal jemand auf der Straße anspricht.“
Hänsel lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Du traust mir nicht.“
„Ich traue dir. Ich traue der Situation nicht.“ Sie steckte die Blätter in eine Mappe und die Mappe in ihre Tasche. „Irgendwas stinkt, ich kann es förmlich riechen. Lass mich das erst mal für mich behalten, Hänsel. Bitte.“
