Mac Conin

Mac Conin

04.06.2025

Das Mahlwerk der Moderne

Warum unsere Städte entfremden und wie man den Ausbruch sucht

Jeder will in die Stadt. Weil es toll ist, weil dort das Leben anscheinend voller, bunter und lauter ist. Hier spielt die Musik, hier sind die geilen Jobs und coolen Leute.

Stimmt das? Jein.

Wir betrachten die Stadt als das ultimative Versprechen: Ein Ort der Freiheit, der Anonymität und der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch wer hinter die Fassaden von Vierteln wie der Kölner Zülpicher Straße blickt, erkennt ein anderes Bild. In der Erzählung Nirgendwann wird die Stadt nicht als schützender Hafen spürbar, sondern als eine Maschinerie, die Schwächen gnadenlos aussortiert.

Warum funktionieren unsere urbanen Räume oft so schlecht? Und wie hängen städtische Verrohung und das Zerbrechen familiärer Strukturen zusammen?

Die Stadt als Instrument des Kapitals: Verdrängung ist alltäglich geworden.

Städte sind heute weniger Orte der Begegnung als vielmehr Instrumente der Kapitalvermehrung. Der Autor David Harvey beschreibt in seinem Werk Rebellische Städte, dass der städtische Raum niemals neutral war oder ist. Er wird, so formuliert er, gezielt so gestaltet, dass er den Profit derer steigert, die bereits Grund oder Immobilie besitzen.

Wohnraum wird zum Spekulationsobjekt

Wenn alte Häuser in „schicke Apartments“ umgewandelt werden, geht es nicht um Lebensqualität für alle, sondern um Rendite. Das Ergebnis ist eine soziale Selektion: Wer die Miete nicht mehr stemmen kann, wird an den Stadtrand gedrängt.

Die rechtlose Zone

In Nirgendwann lebt Jo als nicht gemeldete Untermieterin in einem Raum ohne Vertrag. Ihr Vermieter demonstriert die neue urbane Härte: Da sie die Miete nicht zhalen kann, wird das Schloss kurzerhand ausgetauscht, während sie weg ist. In einer Stadt, die nur noch auf Effizienz getrimmt ist, zählen menschliche Schicksale nichts mehr, wenn die Bilanz nicht stimmt.

Der monetäre Filter

Wer kein Geld hat, hat keine Rechte, keine Sicherheit und letztlich keine Stimme. Armut wird in diesem System zum Vollzeitjob, der keine Kraft mehr für Träume lässt.

Der Wandel der Viertel: Wenn soziale Anker sterben

Das Gesicht eines Viertels ändert sich durch wirtschaftlichen Druck. dieser entsteht durch Zuzug und Profitmaximierung.

Früher waren Orte wie das „Büdchen“ Kristallisationspunkte einer Nachbarschaft – man kannte sich, tauschte Klatsch aus und half einander. Heute degenerieren sie zu reinen Verkaufsstellen für Alkohol und Zigaretten. Das Soziale weicht dem reinen Nutzwert.

Wir leben Wand an Wand, oft sind über 50 % der Haushalte Single-Haushalte. Erpenwijn nutzt die Metapher von Schiffen, die im Nebel Signale aussenden, sich aber nie wirklich begegnen, aus Angst vor einer emotionalen „Havarie“ – einer echten Berührung, die im harten städtischen Wettbewerb als gefährlich empfunden wird.

Prekäre Arbeit: Die Arena der Ausbeutung

Die städtische Verrohung macht vor der Arbeitswelt nicht halt. Wer finanziell mit dem Rücken zur Wand steht, wird erpressbar.

Notlagen werden in prekären Jobs oft schamlos ausgenutzt. In einer Profit getrimmten Stadt werden die Menschen nur noch als Renditefaktoren wahrgenommen, wird die Schwäche der einen zur Beute der anderen.

In der Illusion der Selbstverwirklichung besucht man hippe Konzepte, arbeitet in Co-Working-Spaces und treibt mit „Creative Placemaking“ ein modernes Lifestyle-Versprechen. Dabei schuften viele in Jobs, die kaum zum Überleben reichen.

Wenn das Trauma mit einzieht

Warum ist die Protagonistin Jo überhaupt in dieser verletzlichen Lage? Die Antwort liegt in ihrer familiären Vergangenheit in der Eifel, die sie wie einen Schatten nach Köln verfolgt.

Die Stadt heilt keine Wunden; sie bietet oft nur den Platz, an dem sie ungestört weiterbluten können. Jo floh vor einem gewalttätigen, missbräuchlichen Vater und einer Mutter, die sich in den Alkohol flüchtete. Eine transgenerationale Bürde wird man eben nicht durch den Wegzug los. Jo musste bereits mit 13 Jahren die Rolle der Mutter übernehmen, kochen, putzen und ihre Geschwister Hella und Pete schützen. Diese frühe Last der frühen Verantwortung macht sie in der Stadt zwar zäh, aber auch erschöpft.

Sowohl im Dorf als auch in der Stadt herrscht oft Ignoranz gegenüber menschlichem Leid. Die Nachbarn in der Eifel ignorierten die blauen Flecken, oder den Alkoholismus der Mutter ebenso, wie die Passanten in der Stadt die Verzweiflung der jungen Frau auf der Parkbank ignorieren. Was im Dorf noch schamhaft ist, ist in der Großstadt die gelebte Kultur des Wegsehens.

Solidarität als einziger Ausweg

Die Erzählung zeigt uns, dass das „Schlecht-Funktionieren“ von Städten kein Zufall ist, sondern das Ergebnis einer Planung, die Profite über Menschen stellt.

Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: Solidarität. Inmitten der städtischen Anonymität bildet Jo mit dem pensionierten Finanzbeamten Hänsel und dem schüchternen Carlo eine „Wahlfamilie“. Hier wird Verantwortung nicht delegiert, sondern geteilt.

Der radikale Entschluss am Ende ist die Konsequenz der Erkenntnis, dass Heilung nur dort möglich ist, wo Menschen wieder als Menschen wahrgenommen werden und nicht als bloße Faktoren in einer ökonomischen Bilanz.


Nirgendwann von Mac Conin ist bei uns im Shop erhältlich.


Der Shop befindet sich noch im Probebetrieb. Einige Funktionen und rechtliche Hinweise sind noch in Arbeit. Alle Bestellungen werden aber ausgeführt.