Erscheint Mitte Juli
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Treibgut
Zwei Frauen, zwei Leben, eine Entscheidung
Wenn die Existenz am seidenen Faden hängt.
Seit dem Schlaganfall ihres Vaters führt Femke das Fischereiunternehmen der Familie allein. Doch die Quoten sinken, die Kosten steigen, und der alte Kutter Louise sowie die Pflege ihres Vaters zehren an ihren letzten Reserven. Femke steht vor dem Ruin – bis ein zwielichtiger Geschäftsmann ihr ein Angebot macht, das ihre moralischen Grundsätze ins Wanken bringt.
Als plötzlich Sonja, ihre Jugendfreundin und einst engste Vertraute, nach Jahren wieder in Freest auftaucht, bricht die Vergangenheit mit aller Wucht über Femke herein. Sonja – mittlerweile Kapitänin auf großen Yachten und mit einer eigenen Agenda – ist der einzige Mensch, der Femke in dieser ausweglosen Lage wirklich helfen könnte.
Zwischen illegalen Touren auf der Ostsee, einer verzweifelten Suche nach einer Lösung für den pflegebedürftigen Vater und einer zerbrechenden Freundschaft muss Femke sich entscheiden, was ihr wichtiger ist.
Eine packende Geschichte über Pflicht, Schuld und die raue See vor Rügen.
Leseprobe 1
Prolog
Die kleinen Wellen lassen das dunkle, fast schwarze, Stück Holz immer wieder untertauchen. Doch Anton hält es mit seinen Augen fest und erkennt, dass es bald nah an der Bordwand vorbeitreiben wird. Schnell holt er sich den langen Kescher.
„Pass doch op, Jung“, murrt Knuth, der Decksmann, weil Anton ihm beinahe den Stiel des Keschers an den Kopf gehauen hätte. Knuth ist dabei, die letzten Fische aus dem Netz zu puhlen.
Noch treibt die Louise eher nördlich der Greifswalder Oie als zu fahren. Antons Mutti sitzt nachdenklich im Steuerhaus und lässt den Blick aufmerksam über die fast leere Ostsee wandern. Im Hintergrund läuft leise der Funk. Solange sie nicht direkt angerufen wird, rauscht es an Femkes Ohren vorbei. Der Motor läuft langsam mit einem gelangweilten Kartoffel-Kartoffel vor sich hin.
Anton jedoch hält seinen Kescher fest in den Händen, bereit, seine Beute an Bord zu holen. Gekonnt dreht er den Kescher und fängt das Stück Holz ein. Doch es ist einfach zu groß und zu schwer für einen 13-jährigen Jungen.
Knuth kommt gemächlich zu ihm herüber. „Lass man, dat wird allein nix.“ Er greift sich eine Leine, formt eine Schlinge und sichert das freie Stück Holz. „Nu.“ Aufmunternd nickt er Anton zu und gemeinsam hieven sie das nasse, schwere Holz an Bord.
„Wat willst du mit dem Schiet?“ Knuths Frage klingt wirklich interessiert.
„Wenn es trocken ist, kann es eine Sitzfläche, oder ein kleiner Tisch werden“, erwidert Anton voller Überzeugung.
Knuth betrachtet das Holz. Ja, es ist vollgesogen mit Wasser, aber nicht morsch. „Du weest schon, dat dat lang duart?“
Anton neigt nachdenklich den Kopf. „Dann ist das so.“ Gemeinsam schieben sie das Holz nach Achtern an die Bordwand.
Aus dem Steuerhaus meldet sich Femke. „Fertich?“ Sie klingt entspannt. Lächelnd sieht sie ihren Sohn an. Anton strahlt seine Mutter an und nickt. „Na dann. Ab nach Hause.“ Sie deutet auf den Sitz am Steuer. „Ab zur O3 und sauber in der Fahrrinne bleiben.“
„Ich?“ Antons Ohren glühen rot vor Freude.
„Siehst du hier einen anderen Steuermann?“ Femkes Augen bekommen Lachfältchen, während sie aufmerksam beobachtet, wie Anton die Drehzahl langsam erhöht und den Kutter auf Kurs bringt. Erst dann geht sie kurz in die kleine Kammer und holt drei Thermobecher. Zwei mit Kaffee, einen mit Kakao. Wortlos reicht sie Knuth einen Becher Kaffee.
Sie greift sich die Tube mit der Creme, welche stets neben dem kleinen Echolot liegt, und cremt sich ihre angeschwollenen und rissigen Hände ein. Mist, dass das immer so brennt, denkt sie und schüttelt ihre Hände, während sie angespannt die Luft durch die Zähne zieht. Sie schaut hinaus, nicht nur um zu sehen, ob Anton Kurs hält. Die See ist frei. Zu dieser frühen Stunde im April 2004 sind kaum Schiffe und erst recht keine Freizeitkapitäne unterwegs.
Nur eine einzelne Segelyacht läuft gerade aus der Fahrrinne heraus. Femke betrachtet das Schiff durch ihr Glas. Eine Bavaria 44 erkennt sie an dem Symbol im Großsegel. Träge bewegt sich die Yacht in dem lauen Lüftchen. Dennoch sieht sie einen Ausguck mit Fernglas, einen Mann am Steuer und einen weiteren, bereit, die Winschen zu bedienen. „Sicher eine Ausbildungsyacht“, flüstert sie und peilt kurz über den Daumen. Doch die Peilung wandert aus.
„Die gehen hinter uns durch“, sagt Anton leise. Er schaut seine Mutter an. Femke nickt und streichelt seinen Arm. „Richtig. Gut erkannt, Steuermann.“ Dann nimmt sie einen großen Schluck Kaffee.
Nachdenklich sieht sie auf die Kisten mit Hering und Dorsch.
Knuth folgt ihrem Blick. „Lief gut. Dat sünd föffteihn Kisten, fief dorvun Dorsch.“
„Und zwei Kisten Beifang. Willst du die paar Aale haben?“ Femke spürt die Kälte. Ein Schauer läuft über ihren Körper. Stundenlang standen sie im Morgengrauen an Deck und haben zu dritt die Fische aus dem Netz gepuhlt. Anton hat mitgearbeitet wie ein echter Decksmann.
„Kloar. Twee nehm ik mit.“ Knuth nickt bedächtig. „Un de Hornhechte ok.“
Femke nickt und holt sich einen zweiten Becher Kaffee. Sie reicht Anton eine Klappstulle. „Das wird Opa freuen. Wir haben heute ungefähr 200 Euro netto verdient.“
Anton gähnt und nickt. „Das ist mehr als sonst.“
„Ja.“ Femke stimmt leise zu. „Aber weniger als ich in deinem Alter war.“
Auf der kleinen Reede am Ruden liegt ein Kümo und aus der Peene kommen zwei weitere Yachten heraus. Diese beiden jedoch fahren unter Motor und Femke stellt sich neben Anton, bereit, am Ruder zu unterstützen, sollte es notwendig werden.
Leseprobe 2
Femke drückt seufzend den Rücken durch und wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Knuth säubert gerade das Deck, während Anton am Kai mit dem Sohn des Hafenmeisters spielt. Sie haben einen alten Ball gefunden und bolzen damit herum.
Die Sonne scheint schwach durch die Wolken und ihr Magen knurrt. „Anton. Wir wollen bald los. Opa wird Hunger haben und dein Bruder auch!“ Femke sieht ihren Sohn winken und weiß, sie wird noch zweimal rufen müssen.
Sie sieht die Yacht langsam in den Hafen fahren. Eine große Bavaria. Wahrscheinlich 46 Fuß. Am Mast, oberhalb der ersten Saling ein Radar, weiter oben ein Radarreflektor. Am Heck eine EPIRB, die Rettungsinsel parkt vor dem Mast. Um diese Jahreszeit sicher eine Ausbildungsyacht. Was macht die Sonntagmittag schon im Hafen? Femke lehnt sich an ihr Steuerhaus und betrachtet die Yacht genauer. Denn etwas ist seltsam.
An keinem der zwei Steuerräder steht jemand. Stattdessen steht auf der kleinen Badeplattform eine Frau. Sie führt die Yacht mit der Notpinne. „Au Backe“, rutscht es Femke heraus. Die Frau an der Pinne trägt braune, ausgeblichene Seglerstiefel und einen Fischerpulli. Die blonden Haare hat sie durch das verblichene Basecap gezogen, die Haare wirken schmutzig. Femke hat den Eindruck, als würde Öl darin schimmern.
Auch Knuth hält den Wasserschlauch kurz ins Hafenbecken, um in Ruhe zusehen zu können. „Felicitas. Na, dat is heut wohl keen Glücksschipp.“
Femke grinst über Knuths Kommentar. „Irgendwie doch. Sie laufen sauber ein. Oder?“ Sie schaut ihren Decksmann grinsend an und beobachtet das Anlegemanöver.
Die Yacht fährt vorsichtig parallel an den Kai gegenüber und dreht zuerst das Heck an die Mauer. Die Achterleine wird festgemacht und die Skipperin lässt ihre Yacht sanft an die Mauer gleiten. Ihre Crew funktioniert, ein wenig zappelig, aber dennoch koordiniert.
„Gute Arbeit“, lobt Femke. „Sie weiß, was sie tut.“ Irgendwie kommt ihr diese Schiffsführerin, die Art, wie sie sich bewegt, vertraut vor. Doch sie kennt keinen dieser Ausbildungsskipper. Woher auch!
Sie beobachtet die Frau der Felicitas. Die Skipperin springt an Land und steuert direkt auf die Gaststätte zu, in der der Hafenmeister am Sonntagmittag meist sein Bier trinkt. Anmeldung. Ordnung muss sein, auch mit defektem Ruder.
Danach beginnt die Frau ihre Tour. Sie geht von Kutter zu Kutter. Femke sieht aus der Ferne, wie sie mit den Kollegen spricht, wie diese ihre Köpfe schütteln, wie Hände bedauernd abwinken.
Schließlich nähert sich die Frau der Louise. Sie klopft mit den Knöcheln gegen das stählerne Schanzkleid. Femke tritt an die Reling und schaut sie an. Erst jetzt, aus kaum zwei Metern Entfernung, trifft sie der Schlag. Die Gesichtszüge, die Art zu gehen – das Bild von 1989 schiebt sich über die Realität.
„Sonja?“ Femke traut ihren Augen nicht. Die Frau starrt sie an, die Augen weiten sich.
„Femke? Wow.“ Einen Moment lang herrscht Stille zwischen den Schiffsplanken und der Kaimauer. 15 Jahre hängen wie Nebel zwischen ihnen.
Knuth bricht das Eis, indem er den Wasserschlauch abdreht. „Dien Dampfer? Kann sik sehn laten“, sagt er und deutet mit dem Kinn zur Felicitas hinüber.
„Nein. Gehört der Segelschule. Ich bin nur die Segelsöldnerin“, sagt Sonja und neigt achselzuckend den Kopf. Die Professionalität kehrt in ihre Stimme zurück, doch ihre Hand zittert leicht. „Habt ihr zufällig ein Kettenschloss für mich? Einer meiner Schüler hat in Rückwärtsfahrt das Ruder losgelassen und ich war zu langsam, das Steuer zu halten.“
„Beim Spatenruder? Du hast doch ein Spatenruder?“, fragt Femke ungläubig. Sie weiß genau, was für ein gewaltiger Druck da auf das Blatt wirkt, wenn es nicht durch einen Skeg geschützt ist.
„Ja. Beim Spatenruder“, seufzt Sonja. „Und? Kannst du mir helfen?“
Femke verzieht bedauernd das Gesicht und deutet auf das zu schmale Schloss in Sonjas Hand, das diese wie ein Beweisstück vorzeigt. „Leider nein. Da wirst du bis morgen warten müssen. In Wolgast ist ein Motorradladen, vielleicht haben die was, das man passend machen kann.“
Sonja verzieht schmerzhaft den Mund. Der Zeitplan ist endgültig hinfällig. „Also Theorie. Machen wir halt Motorenkunde.“ Sie lässt den Blick über das Deck der Louise wandern, fachmännisch, prüfend. „Ihr fahrt heute noch mal raus?“
Femke merkt, dass Sonja den Blick einer Fischerin nicht verloren hat. Sie sieht nicht den Rost oder den Schmutz, sie sieht die Einsatzbereitschaft. „Der Fisch läuft. Da gibt’s kein Wochenende, weißt du ja. Meine Jungs haben diese Woche noch Ferien, da fährt einer immer mit.“
Sonja nickt zustimmend. „Na dann. Guten Fang.“ Ihre Hand ruht immer noch auf der Reling, ihre Augen hängen an den Kübeln mit den Netzen.
„Wir fahren erst mal kurz heim“, korrigiert Femke lächelnd. „Mittag, dann ein paar Stunden Schlaf. Gegen 21:00 Uhr laufen wir aus.“
„Dann schicke ich meine Bande auch erst mal wieder in die Koje.“ Zärtlich fährt Sonjas Hand über die Reling der Louise. Der kalte Stahl scheint sie für einen Moment zu erden. „Petri Heil.“
„Petri Dank“, antwortet Femke mechanisch. Sonja winkt kurz und geht weiter zu den letzten beiden Kuttern am Kai. Sie weiß, dass Sonja auch dort kein Glück mit dem Kettenschloss haben wird.
Femke sieht ihr hinterher, wie sie zu den nächsten Kuttern geht. Fünfzehn Jahre.
1989 haben sie in Wolgast auf der Mauer gesessen, die BKW-Zeugnisse in der Tasche, und geglaubt, die Ostsee gehöre ihnen.
Dann kam die Wende, und die See wurde plötzlich sehr groß und für viele sehr leer. Sie erinnert sich an gemeinsame Fahrten auf der Louise und daran, dass Sonja irgendwann mehr wollte.
Mehr über die Autorin findest du hier →
Auch erhältlich bei im Buchhandel vor Ort
| Autor | Freya Jüptner | |
| Titel |
Treibgut
Zwei Frauen, zwei Leben, eine Entscheidung |
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| Erscheinungs- termin |
26. Juli 2026 | |
| Alters- empfehlung |
14+ | |
| Ebook | 978-3-911831-80-2 | 5.99 € |
|
Softcover Format B x H x D |
978-3-911831-81-9 152 x 228 x 25 mm |
17.95 € 330 Seiten |
|
Gebundene Ausgabe Format B x H x D |
978-3-911831-82-6 152 x 228 x 30 mm |
23.95 € 350 Seiten |
